Amazon

Amazon ist böse und macht den Einzelhandel kaputt. Wirklich?

Das wäre natürlich die einfachste Art, mit der Problematik umzugehen: Einfach den Online-Handel verteufeln. Und das Internet wird sich ja vermutlich ohnehin nicht durchsetzen… Aber es wäre auch kurzsichtig und unreflektiert.

Natürlich ist der Onlinehandel, speziell Amazon, eine gewisse Bedrohung für den Einzelhandel. Aber nur, wenn man sich als Unternehmen weigert, mit der Zeit zu gehen und darauf beharrt, immer so weiter zu machen, wie es doch seit Jahrzehnten funktioniert hat.

Warum ich gerne online kaufe:

Ich gebe mal ein konkretes (leicht überzogenes) Beispiel, warum ich viele Dinge gerne online bestelle:

Kauf im stationären Handel:

Es ist kurz vor Weihnachten. Ich möchte Weihnachtsgeschenke für meine kleine Nichte kaufen. Also fahre ich in die Stadt. Ich nehme mein Auto und bin in etwa 25 Minuten in Nürnberg. Das kostet mich ungefähr 8 € Benzin. Dann parke ich in einem Parkhaus, weil es kaum mehr freie Parkplätze in akzeptabler Nähe zur Innenstadt gibt. Das kostet mich nochmals etwa 5 € für drei Stunden. Also schon einmal 13 €, die ich ausgegeben habe, ohne dafür ein Geschenk zu bekommen.

Da es kalt ist, habe ich eine dicke Jacke und einen Pullover an. Ich gehe in ein großes Kaufhaus und denke, ich bin in der Sauna. Gefühlte 30° C passen nicht zu meiner Winterkleidung. Jacke öffnen genügt nicht. Ich muss sie ausziehen, sonst halte ich die Temperatur nicht aus. Also suche ich mit über den Arm gehängter Jacke auf dem Rolltreppen-Wegweiser, wo ich Kinderspielzeug finde für meine Nichte. Während ich mehrmals angerempelt werde, sehe ich, in welches Stockwerk ich muss. Also fahre ich die Rolltreppen hoch und befinde mich schließlich in der Spielwarenabteilung. Mit etwa 500 anderen Menschen versuche ich, mir einen Überblick zu verschaffen und zu sondieren, in welche Richtung es mit dem Geschenk gehen könnte. Da alles überfüllt ist, dauert es lange, bis ich endlich die Spielwaren ansehen kann, die mich interessieren könnten. Eine Verkäuferin ist weit und breit nicht zu sehen. Beratung gibt es wohl so kurz vor Weihnachten nicht mehr. Ich bemerke, dass das Ausziehen meiner Jacke allein auch nicht mehr genügt, weil es einfach in dem Gedränge zu warm ist. Ich kremple die Ärmel meines Pullovers hoch und suche weiter. Dabei bemerke ich, wie mir der Schweiß langsam den Rücken herunter läuft. Auf meiner Stirn zeichnen sich erste Perlen ab. Ich fühle mich total unwohl und will endlich irgendein verdammtes Geschenk kaufen, um wieder nach Draußen zu können. Ich bekomme furchtbaren Durst wegen der trockenen Luft.

Schließlich finde ich etwas Passendes: Ein Paket mit Lego-Duplo-Steinen. Kostet knapp 30 €. Ganz schön viel für so wenig Zeugs. Aber egal, ich will hier raus! Also zur Kasse. Zum Glück sind nur ungefähr 30 Leute vor mir, sodass ich innerhalb von 20 Minuten bezahlt habe. Insgesamt habe ich im Kaufhaus 2,5 Stunden verbracht. Ich renne förmlich zum Ausgang, um von der frischen, kühlen Winterluft empfangen zu werden. Schweißgebadet wieder in die Winterjacke geschlüpft und ab ins Auto und nachhause fahren. Am nächsten Tag völlig erkältet durch das Schwitzen und die Temperaturschwankungen. Aber immerhin habe ich mein Geschenk jetzt.

Oh Mist, jetzt muss ich es noch selbst einpacken. Klar gab es im Kaufhaus diesen Service, aber da standen nochmal 25 Leute vor mir, und ich wollte weg. Zumal sich die Dame, die die Geschenke einpacken sollte, nicht sonderlich zu beeilen schien…

Ich fasse zusammen:
Insgesamt etwa 16 € Benzinkosten, 5 € für das Parkhaus, 30 € für das Geschenk. Also schon mal 51 € bezahlt. Nicht in Geld umrechnen kann ich das Ungemach, dass ich bei dem Einkauf empfunden habe. Wäre ich sehr kritisch, würde ich noch meinen Stundenlohn für die etwa 4 Stunden meines Lebens berechnen, die ich für das Geschenk meiner Nichte heroisch opferte. Aber das lasse ich jetzt einmal außen vor.

Kauf bei Amazon:

Es ist kurz vor Weihnachten. Ich möchte Weihnachtsgeschenke für meine kleine Nichte kaufen. Also suche ich bei Amazon. Da ich noch keine konkrete Vorstellung habe, lasse ich mich in der Kategorie Kinderspielzeug einfach mal etwas inspirieren und schränke die Suche auf „Ab 2 Jahren“ ein. Dabei sitze ich mit einer Tasse Kaffee entspannt vor meinem PC. Nach einer halben Stunde habe ich das perfekte Geschenk gefunden. Ich bestelle es sofort. Dank meiner Amazon-Prime-Mitgliedschaft (49 € im Jahr) erhalte ich das Produkt per kostenlosem Expressversand am nächsten Tag zu mir geliefert. Für 2,99 € Aufpreis bekomme ich es in einer dezenten und hochwertigen Geschenkverpackung geliefert. Das Produkt kostete 5 € weniger als im Einzelhandel. Ich habe in 30 Minuten die Auswahl getroffen und bestellt. Ich habe mir Parkhaus und Benzinkosten gespart, musste nicht schwitzen, wurde nicht angerempelt.

Ich fasse zusammen:
25 € für das Geschenk + 2,99 €, die mir das mühsame Einpacken erspart haben. Also 27,99 € für die Online-Bestellung gegen 51 € für den Kauf im Einzelhandel. Und ich musste nicht stundenlang unterwegs sein und habe 23 € gespart.

Was kann man da objektiv gegen Amazon sagen? Es war der angenehmere Einkauf für mich! Damit stellt sich natürlich die Frage, was hätte anders laufen müssen, damit ich den stationären Handel, also den Kauf im Kaufhaus in Zukunft bevorzuge.

Was muss der Einzelhandel besser machen?

Den Weg in die Stadt hätte mir natürlich kein Einzelhändler ersparen können, das ist klar. Aber es fängt bei den Parkgebühren an. Wenn mir das Kaufhaus den Preis für die Parkgebühr im Parkhaus bezahlt, bin ich schon deutlich interessierter, in die Stadt zu fahren. Wenn ich dann noch in der überhitzten Kaufhausluft von einem netten Angestellten gefragt würde, ob ich meine Jacke kostenlos an der Garderobe abgeben möchte, um ungestört einzukaufen, wäre ich noch mehr geneigt, in der Stadt zum Einkaufen zu gehen. Wenn es dann vielleicht auch noch kostenlos ein Wasser oder gegen Unkostenerstattung einen Kaffee geben würde, wäre das ein weiterer Pluspunkt. Wenn dann noch ALLE Mitarbeiter im Verkauf ebenso kompetent wie nett und hilfsbereit wären, wäre ich schon nahezu begeistert. Und wenn dann zur Krönung auch noch die Preise denen im Internet ebenbürtig wären, wäre ich überzeugter Kunde in Kaufhäusern.

Natürlich sind meine geschilderten Vorstellungen vom perfekten Einkaufserlebnis etwas überzogen, aber insgesamt sehe ich für den stationären Handel die Zukunft in vier Bereichen liegen:

  1. Beratung
  2. Service
  3. Einkaufserlebnis
  4. Preis

Klar ist das leichter gesagt als getan, aber nur so kann man mit dem Online-Geschäft mithalten. Man muss etwas besser und anders machen.

Was ist Ihre Meinung zum Thema? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.